Von Alexander von Schönburg (Berlin)

Ein paar Momente Autofahrt genügen heutzutage schon, um in Zorn zu geraten. Nicht der Verkehr bringt mich auf die Palme – das Radio war die Ursache! Gerade vorhin geschah es wieder: Ein schwuler Mann wird interviewt, der erzählt, dass er und sein „Ehemann“ nun Pflegeeltern geworden sind. Schwule seien ja per se die besseren Eltern, denn wenn sie ein Kind aufnehmen, sei dieses immer und ohne Ausnahme ein Wunschkind „und bekommt von Anfang an Liebe“ – im Gegensatz zu Heterosexuellen geschehe Elternschaft schließlich nicht einfach nur so versehentlich. Der brave Mann vom Rundfunk nahm das alles huldvoll entgegen und verabschiedete sich von dem „Vater“ nach einem ehrfurchtsvollen Gespräch ohne Widerrede. Super, dachte ich in diesem Augenblick, wenn wir das zu Ende denken, beschließen wir irgendwann, dass Kinder grundsätzlich nur noch adoptiert werden sollen und dass man Kinder aus herkömmlichen Familien, ganz wie Marx und Engels sich das gedacht haben, möglichst früh ihrem Elternhaus entwöhnen sollte –  am besten von „dem Augenblick, ab dem sie der mütterlichen Pflege entbehren“, wie es bei Engels heißt,[i] denn nur so könne gewährleistet werden, dass sie nicht von den unsichtbaren Machtstrukturen einer patriarchalischen, auf Privateigentum ausgerichteten Struktur geprägt werden. Horkheimer sprach später genau auf dieser Linie von einem „Unterwerfungstrieb“ des Menschen, der unseren armen Kindern von Familien aufgezwungen werde.[ii] Wer die Revolution will, der muss, um mit seinem Projekt erfolgreich sein, den Kern der Gesellschaft, die Familie, treffen und zerstören. Lasst uns alles selbst konstruieren, lasst uns bestimmen, was Familie ist: zum Beispiel der Ort, an dem der Kühlschrank steht. Lasst uns bestimmen, was Vater ist, was Mann, Frau, Trans, Fluid, und so weiter. Wir entscheiden das jetzt so und morgen so.

Die Welt wird auf den Kopf gestellt. Die archetypischen Konzepte der menschlichen Existenz, ja die Sprache selbst sind nicht mehr sicher vor dem Zugriff der Umdeuter und Wirklichkeitsschänder. Wer sich in so einer Welt, in der alles, was einmal galt, von den höchsten Instanzen verworfen wird, wer sich in einer Welt, in der sich der Glaube an die Allmacht des Menschen und die Leugnung des Übernatürlichen verfestigt hat, wer sich in so einer Welt als einen „Konservativen“ bezeichnet, räumt damit ein, den Widerstand aufgegeben zu haben – denn was sollte man von dieser Welt denn „konservieren“? Der Konservative hat sich, von kleineren, kosmetischen Korrekturen abgesehen, mit dem Ist-Zustand abgefunden. Wer sich einen „Reaktionär“ nennt, der mag zwar verzweifelter sein als der Konservative, er hat aber wenigstens nicht resigniert, er „reagiert“ und befindet sich – intellektuell – im Kampfmodus.

           Es gibt einen Text der Weltliteratur, in dem fast alles steht, was zu diesem Thema zu sagen ist: Dostojewskis Monolog des Großinquisitors aus „Die Gebrüder Karamasow“. Alles steht dort. Wirklich alles. Dort begründet der Großinquisitor, mit Christus konfrontiert, der für einen Tag auf die Erde zurückgekommen ist, die Auflehnung des Menschen. Gott, so der Vorwurf des alten, weisen Kirchenmannes, habe sich der Weigerung schuldig gemacht, dem Menschen irdisches Glück zu bescheren. Er hätte es gekonnt. Stattdessen habe er den Menschen zu Leid verurteilt, so, fuck you! Was bleibt dem Menschen angesichts der Weigerung Gottes, Schmerzen, Leid und Ungerechtigkeit aus der Welt zu bannen, anderes übrig, so die Sicht des Großinquisitors – des Fürsprechers der modernen Menschen –, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen? Es sei geradezu unsere Pflicht, die Welt selbst neu zu konstruieren. Er eröffnet Christus, ihn am nächsten Tag – wir befinden uns mitten in der Inquisition – hinrichten zu lassen. Er prophezeit, dass die Menschen, die ihm gerade noch auf den Straßen der Stadt gehuldigt hätten, am nächsten Tag auch seine Hinrichtung bejubeln würden. Kurz bevor es zu der unfassbaren Pointe mit dem Kuss Christi auf die Stirn des Großinquisitors kommt, sagt der Großinquisitor Jesus eine Zivilisation voraus, die im Namen der Wissenschaftlichkeit alles neu machen wird: „An der Stelle Deines Tempels wird man ein neues Gebäude errichten, wird man erneut den schrecklichen Babylonischen Turm errichten.“

           Wer nicht an die Allmacht des Menschen glaubt und wer darum weiß, dass es Geheimnisse gibt, die sich jeder Erklärung und Berechenbarkeit entziehen, der weiß auch, dass das Leben nicht aus Drinks mit bunten Schirmchen am Strand von Acapulco besteht, sondern dass Leben vor allem auch Leiden bedeutet und dass in all dem, was unsere Existenz ausmacht, ein unergründbares Geheimnis schlummert und dass das Ende von Schmerz und Leid dem Ende aller Zeiten vorbehalten ist, dass wir aber dennoch den Auftrag haben, angesichts von Ungerechtigkeit und Schmerz immer wieder, so gut es geht, korrigierend einzugreifen, im Wissen darüber, dass der Sieg über den Schmerz dem Menschen auf Erden nicht gegeben ist. Auf dieser Welt können wir nur versuchen, Friede zu verwirklichen, wie es die Weihnachtsengel verkündet haben – doch nur dann, wenn wir Menschen guten Willen sind.. Wer sich den Verheißungen der Moderne widersetzt und darauf mit Abscheu, Zorn und Mitleid reagiert, nur der darf den Ehrentitel „Reaktionär“ für sich beanspruchen. Er kann dann mit Léon Bloy sagen: „Meiner Meinung nach wurde das Glück für die Tiere geschaffen, und wenn mir danach verlangt, werfe ich mir dieses Verlangen wie eine Feigheit vor. Ich erkenne nur den Schmerz als wirklich schön, begehrenswert, reinigend, wahrhaft göttlich an.“ Und mit Ernst Jünger: „Nenne mir Dein Verhältnis zum Schmerz, und ich will Dir sagen, wer Du bist!“

           Der Reaktionär widersetzt sich nicht nur der menschlichen Hybris, der Welt eigenmächtig einen paradiesischen Zustand bescheren zu können, er kämpft auch gegen den menschlichen Anspruch, alles verstehen, ergründen und berechnen zu können. Forscherdrang, die Sehnsucht, die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln war interessanterweise aber nie vor allem eine Sache der Heiden und Zweifler. Gerade religiöse Menschen waren bei unserem Forscherdrang immer die treibende Kraft. Ohne tief gläubige Genies wie Robert Grosseteste (1175-1253), der aus bescheiden Verhältnissen kam, zum Bischof von Lincoln aufstieg und bahnbrechende Forschung auf dem Gebiet der Astronomie, der Physik und der Mathematik betrieb, ohne seinen Schüler, den Franziskanermönch Roger Bacon, den „Doctor mirabilis“, der als Erfinder empirischen Denkens gilt oder auch den Hl. Albertus Magnus, den Wegbereiter des christlichen Aristotelismus des hohen Mittelalters, gäbe es überhaupt keine moderne Wissenschaft, aber der Hochmut, die Existenz allerletzter Geheimnisse zu leugnen und alles, auch das Allerletzte, entschlüsseln zu können, ist ein Abweg, auf den uns erst die Aufklärung brachte. Nachdem Europa aus dem Albtraum der Religionskrieg erwacht war, griff die bis heute bestimmende Abwendung von übernatürlichen und religiösen Fragen hin zu einer Sehnsucht nach rational Berechenbarem um sich. Aus Unkenntnis der Natur, so lautet, vereinfacht gesagt, das Credo der Moderne, hätten die Menschen Götter erfunden. Sobald man jedoch die Natur entschlüssele, stoße man auf eine Kette von Ursachen und Wirkungen, an deren Ende die Weltformel steht, die das Geheimnis der Existenz aufschließt. Die aufklärerischen Denker sahen alles Sichtbare, Untersuchbare, Beweisbare – und das war das einzige, was zählte – als eine organisierte Materie und daher berechenbar an, nicht unähnlich einer Maschine. Die ganze Welt, auch der Mensch selbst, war in ihren Augen ein ausgeklügeltes System, dessen Blaupausen entschlüsselbar sind. „Les nerfs, voilà tout l’homme“, wie es der Arzt und Philosoph Pierre-Jean-Georges Cabanis enthusiastisch ausdrückte.

Die Menschheit baut seitdem, wie von Dostojewskis Großinquisitor angekündigt, an einem neuen Turm von Babel. Diese Konstruktion wird seit der Aufklärung von dem Ehrgeiz angetrieben, Schmerz, Leid, ja den Tod selbst besiegen zu können. Die Steine, mit denen gebaut wird, findet man heute in den Werkstätten der Transhumanisten des Silicon Valley, den Genlaboren in England, Israel und China und der Propheten der Künstlichen Intelligenz und Robotik. Der literarische Text, der neben dem „Großinquisitor“ den Geist der neuen Babylonier am treffendsten umreißt, ist Mary Shellys „Frankenstein“, der, was häufig vergessen wird, den Untertitel „The Modern Prometheus“ trägt. Während der Monolog des Großinquisitors eine dystopische Vision zeichnet, ist Shelleys Roman utopisch. Das Geschöpf wird in Shelleys Buch übrigens nie „Monster“ genannt, sondern geradezu liebevoll „creature“. Es ist kein fortschrittsskeptischer Text, in dem davor gewarnt wird, dass sich der Mensch zum Schöpfer aufschwingt. Er entstand vielmehr aus dem Geist des ungezügelten und aus heutiger Sicht reichlich naiven Fortschrittsoptimismus. Shelley war fasziniert von Galvanis Experimenten und seinen zuckenden Froschschenkeln. Die Autorin wusste von den Experimenten des Coelestin Steiglehners und dessen Versuchen mit Elektrophysiologie, dessen Ehrgeiz es unheimlicherweise war, tote Materie zu beleben. Steiglehner war nicht nur Naturwissenschaftler und Komponist, er war Benediktiner und von 1791 bis 1802 der letzte Fürstabt von St. Emmeram in Regensburg. Ist das nicht die eigentliche Tragik der Geistesgeschichte? Das christliche Menschenbild mit seinem Freiheitsdrang, seinem Ernstnehmen der Menschenwürde und seiner inneren geistigen Unruhe machte den Forschergeist und die Wissenschaft erst möglich – irgendwann aber wurde der Punkt erreicht, an dem sich der Wissensdrang gegen seine eigenen Schöpfer und gegen das christliche Menschenbild richtete und sich aus Stolz auch gegen Gott auflehnte. Das Christentum hat dem Wissensdrang die Tür geöffnet, der Mensch ist durch diese Tür hindurchgegangen und hat dem, der die Tür aufhielt, aus Hochmut diese vor der Nase wieder zugeschlagen. Reaktionär ist der, der diesen unhöflichen Menschen Widerstand leistet. Er fühlt sich zu Denkern und Künstlern hingezogen, die prä-modernen Idealen Ausdruck verleihen. Politisch liegen seine Sympathien bei Denkern wie Joseph de Maistre. Und er liest unter den Zeitgenossen nicht nur Botho Strauß oder Martin Mosebach mit Genuss, sondern auch zur Reaktion bekehrte Alt-Linke wie Michel Houellebecq, der erkannt hat, dass der Atheismus im Abwind ist, weil er „an seinen eigenen Zweifeln stirbt“, wie er es nach dem Erscheinen seines Romans „Unterwerfung“ (einer Verneigung vor Raspail und Huysmans!) in einem Interview mit dem „Spiegel“ zu Protokoll gab. Er liest natürlich auch mit Vorliebe die Dichter und Denker der Romantik.

Der liberale Denker Isaiah Berlin hatte, was die Romantik anbetrifft, ja eine originelle These. Er behauptete, die Aufklärung habe in Deutschland – im Gegensatz zu England und Frankreich – nie so richtig Fuß gefasst, und die Folge sei ein gewisser deutscher Minderwertigkeitskomplex gegenüber diesen geistig fortschrittlicheren Ländern gewesen. Frankreich war in Europa das Maß aller Dinge. Hier war die Wissenschaft zu Hause, das Theater, die Kunst, die Dichtung. Die Romantik, die als Reaktion auf die Aufklärung in Deutschland ihr Zentrum hatte, verstand Isaiah Berlin als eine Art Trotzreaktion der Deutschen auf die geistig agilere Ideenwelt der Franzosen.

Ich fand diesen herablassenden Blick auf die deutsche Romantik immer ein wenig verstörend. Natürlich stimmt es, dass der Kult des Irrationalen in Deutschland besonders abstoßende Blüten getrieben hat, was womöglich daran liegt, dass wir Deutschen die Neigung haben, alles zu übertreiben, aber trotzdem sind mir Romantiker sympathischer als Rationalisten und Technokraten. Als ich etwa Mitte 20 war, hatte ich Gelegenheit, Isaiah Berlin, er starb 1997, zu dem Thema zu befragen. Vermittelt hatte mir die Audienz dessen Schüler Lord Jacob Rothschild, der wiederum ein Freund meiner verstorbenen Schwester Maya war. Er hätte mich sonst nicht empfangen, er war zu dem Zeitpunkt schon alt und gebrechlich. Ich kam zitternd vor seinem Haus in Oxford an. Dem Taxifahrer musste ich die Adresse nicht sagen. In Oxford musste man damals niemanden erklären, wo der berühmte Philosoph residiert. Er war ein lebendes Denkmal. Einer der letzten Universalgelehrten. 1909  in Riga geboren, im Alter von 16 Zeuge der Revolution in St. Petersburg, wohin seine Eltern zehn Jahre zuvor gezogen waren, landete er 1921 im Schlepptau seiner in den Westen geflohenen Eltern in England, Student in Oxford, Diplomat im Dienst des britischen Foreign Office, kehrte er 1957 als Professor für Politikwissenschaften an seine Alma Mater zurück und wurde einer der berühmtesten liberalen Denker der englischsprachigen Welt.

           Ich wurde von seinem Privatsekretär Henry Hardy in sein bis unter die Decke mit Büchern und Manuskripten vollgestopftes Arbeitszimmer geführt, wo der alte Balte in einem tiefen Ledersessel unter einer Leselampe mit grünem Glasschirm saß und sich von mir drei Stunden belästigen ließ. Ich glaubte, naseweis, wie ich war, in Berlins Werk einen Widerspruch ausgemacht zu haben und war fest entschlossen, Berlin damit zu konfrontieren. Einerseits war er ein berühmter Liberaler und sprach in seinen Schriften eine stramm aufklärerische Sprache, andererseits brachte er ein Buch nach dem anderen über aufklärungsskeptische Denker heraus. Als ich ihn besuchte, hatte er gerade ein entzückendes Buch über Johann Georg Hamann veröffentlicht: „The Magus of the North“, so der Titel dieses kritischen und zugleich seltsam liebevollen Essays, war streng genommen kein von ihm veröffentlichtes Buch, sondern die von seinem Privatsekretär 1993 veröffentlichte Niederschrift von Vorlesungen, die Berlin über Hamann gehalten hatte.

Ganz offenbar war Isaiah Berlin also faszinierte von Denkern wie Hamann, und auch in seinen berühmten Woodbridge Lectures an der Columbia University[iii] klang durchaus Sympathie für Hamann und auch de Maistre durch. Warum, wollte ich wissen, befasste er sich so intensiv mit Denken, auf die er angeblich als rückständig, ja sogar gefährlich, herabsah? Mein Ehrgeiz war, ihm das Zugeständnis abzuringen, dass, wenn auch nur insgeheim, das Denken der von ihm geschmähten Aufklärungsskeptiker eine gewisse Anziehungskraft auf ihn ausübte.

Er saß vor mir, seine Haushaltshilfe brachte uns Tee. Er blickte mich durch dicke, speckige Brillengläser an, und wie vorlaute Menschen das nun einmal tun, redete ich erst einmal drauf los. Dass er zugeben müsse, dass sich die Welt nicht in Formeln erfassen lasse! Dass unebene Wege manchmal die eigentlich zielführenden sind! Gerade er, als Musikliebhaber, als zutiefst musischer Mensch, müsse doch zugeben, dass man den tiefsten Wahrheiten oft auf nur geheimnisvolle statt auf streng wissenschaftliche Weise habhaft werden kann. Ist Kunst nicht überhaupt der Versuch, das Unfassbare fassbar zu machen? Die Welt lässt sich nun einmal nicht in Formeln fassen! Sei es nicht eine unfassbare Hybris, dass der Mensch glaube, alles Geheimnisvolle bannen zu können?

Nach einer Weile räusperte er sich. Ein Signal, dass es nun an ihm sei, etwas zu sagen.  Sogar ein David Hume, räumte er zunächst ein, sei der Meinung gewesen, dass ohne Glaube gar nichts funktionieren könne. Wenn man sich auf manche Dinge nicht einfach gutgläubig verlassen könne, wäre man nicht mal in der Lage, ein Frühstücksei zu essen. Auch sei er ganz der Meinung Hamanns, dass die Welt sich nicht fein säuberlich filetieren lasse, hier die Vernunft, der Geist, dort die Gefühle, die Vorstellungskraft, das Erinnerungsvermögen, das Gelernte, das Ererbte. Auch könne man sich, wie das die Aufklärer versucht hätten, nicht einfach von aller Tradition abspalten, der Mensch sei nun mal nicht aus dem Nichts geboren. Und ja, es gebe wohl auch Dinge, die sie nie ganz erklären kann. Er erzählte mir von einem wunderschönen Artikel, den Hamann einmal geschrieben hatte, eine Verteidigung des Buchstabens H, geschrieben vom Buchstaben H.[iv] Damals brühte in Frankreich das Begehren, eine neue aufklärerische Universalsprache zu schaffen, die alte empfand man als durch überkommene Denkmuster kontaminiert. In Preußen hegten Puristen den Plan, im Rahmen einer Rechtschreibreform den Buchstaben H an Stellen abzuschaffen, an den er keine Funktion habe. „Hamann verfasste daraufhin eine hinreißende Polemik zur Verteidigung des angeblichen überflüssigen Buchstabens H“, sagte Berlin, „ich kann sie nur sehr zur Lektüre empfehlen, wer auf das scheinbar Überflüssige verzichte, verstümmele sich, und in den Tiefen der Sprache, argumentierte Hamann, verstecke sich all das Wissen unserer Ahnen …“

Dann kam er auf de Maistre zu sprechen. Für ihn sei de Maistre der noch hellsichtigere Denker als Hamann. Sein witziger, spöttischer Ton reize ihn, die geistreiche Art der Argumentation stachle ihn zum Widerspruch an: „Er lachte über die Vorstellung, der Mensch sei ein rationelles Wesen. ‚Ihr wollt, dass wir empirisch vorgehen?’, war seine höhnische Antwort, dann lasst uns doch einmal die Natur so präzise betrachten wie ihr es immer wieder fordert! Schaut genau hin! Was ist denn die Welt? Ein einziges Schlachthaus! Ihr sagt, der Mensch sei ein rationales Wesen? Dann erklärt mir bitte doch, warum die Menschen auf die Barrikaden gehen, wenn ein Zar dem niederen Adel die Bärte rasieren lassen will, die gleichen Menschen aber ohne mit der Wimper zu zucken ihr Leben auf dem Schlachtfeld lassen, im Kampf gegen Menschen, die ihnen nichts getan haben. Ihr seid doch Empiriker! Also bitte: Lasst uns die Menschen bitte so sehen, wie sie wirklich sind, statt uns den Menschen so auszumalen, wie wir ihn gerne hätten! Wissenschaftler waren für de Maistre per se Scharlatane, die die Welt erklären wollen, dabei immer nur zu vorläufigen Wahrheiten gelangen, aber stets behaupten, die Wahrheit zu kennen. Da sei de Maistre, wie Hamann, etwas Interessantem auf der Spur.“

Für Hamann lauerte schon im bloßen Benennen eines Objekts eine gewisse Dreistigkeit. „Die Hochmut, final über dieses Objekt Bescheid wissen zu können, war für ihn lächerlich“, sagte Berlin. Vor lauter Begeisterung für dieses Eingeständnis erzählte ich ihm von einer hochtrabenden Weisheit, die ich mal von einem indischen Guru gelesen hatte, Jiddu Krishnamurti, einem Freund Aldous Huxleys: „Once you tell a child the name of a bird, it will never see that bird again.“[v] Man muss sich zu diesem Satz natürlich das für Inder typische Englisch dazudenken, damit es charmant klingt. Vor lauter Begeisterung über meinen eigenen Einwurf hatte sich ein wenig Tee in meiner Untertasse angesammelt. Als ob ihm das – oder mein Einwurf – die Laune verdorben hätte, wurde Isaiah Berlin plötzlich unduldsam. Er fing an, über de Maistre als einen dunklen, pessimistischen Denker zu sprechen. „De Maistre“, sagte Berlin, „beschreibt Natur als einziges Gefressen und Gefressenwerden, Natur ist für ihn ein Ort, an dem sich alle fortwährend in Stücke reißen.“ Ich versuchte ungelenk, den Tee aus dem Untersetzer zurück in die Tasse zu gießen. Auch das ging Berlin sichtlich auf die Nerven, er spottete:. „Wer sich mit de Maistres Menschenbild befasst, blickt in einen Abgrund. Der Mensch! Jemand, der nichts anderes beherrscht als alles um sich herum kurz und klein zu schlagen? De Maistre beschreibt den Menschen als Untier, der nur eines im Sinn hat: töten. Töten, um an Essen zu kommen, töten, um sich zu kleiden, töten, sogar um sich zu schmücken und sich zu amüsieren. Dann fiel Berlin ins Französische und zitierte wörtlich, was mit der wiederholten, fallbeilartigen Betonung auf „tue“ (er tötet) ziemlich einschüchternd klang: „Il tue pour se nourrir, il tue pur se vêtir, il tue …“ Er stand kurz auf, ging zum Bücherregal, blätterte, blickte sich um und las: „Aus dem Lamm reißt er den Darm, um so Klänge auf seine Harfe zu zaubern, vom Elefanten nimmt er das Horn, um daraus Spielzeug für seine Kleinen zu machen, sein Esszimmertisch ist übersäht mit Leichen [siehe oben]… Die ganze Erde wird fortwährend in Blut getaucht, sie ist nichts anderes als ein großer Altar, auf dem in einem fort alles Lebende geopfert werden muss bis alles ausgestorben ist bis zum Tod des Todes.“

Aber, Herr Professor, ist das denn wirklich so weit weg von der Wahrheit? Das Problem, so Berlin, sei die Folge, die so ein Menschenbild zwangsläufig auf die Organisation des menschlichen Miteinanders habe: „Eine Gesellschaft, die auf gegenseitige Kooperation und Vernunft baut, ist für de Maistre abwegig.“ Ich hielt ihm entgegen, dass de Maistre sehr wohl einen Gesellschaftsvertrag im Kopf hatte, einen, der nicht auf Menschenwerk baut, dessen Wurzeln der Legitimität so weit zurück liegen, dass niemand mehr ihre Ursprünge kennt und bei der sich niemand wagt, Hand anzulegen – eine Gesellschaft mit unverrückbaren, uralten Traditionen, die Halt geben. „Und was folgt daraus?“, so Berlin scharf: „Wenn das so ist, dann kommen nur Regierungen in Frage, die so ein furchterregendes Regime führen, dass die Menschen in ständiger Angst leben.“ „Sie wissen genauso gut wie ich“, hielt ich dagegen, „dass de Maistre für Regierungen, die nur mit Knute regieren, nur Verachtung übrig hatte. Es geht vielmehr über eine Form von Ehrfurcht, die auch mit Respekt, ja Liebe, zu tun hat und nicht notwendigerweise mit Angst.“ Berlin: „Aber er verehrte Ludwig XIV., der die Opposition zerschmetterte und verachtete Ludwig XVI., der Kompromisse schloss.“

Gegen Ende unseres Gesprächs wurde Berlin wieder ein wenig leutseliger. Es sei sicher falsch, den Mann aus Savoyen als ewiggestrigen Aristokraten abzutun, er sei keiner gewesen, der stur an der alten Weltordnung festgehalten habe, dafür sei er viel zu klug gewesen: „Er war auf fast beunruhigende Art ein sehr moderner Denker. Der aufgekratzte Ton seiner Schriften, sein knöchelhohes Waten durch Blut und Tränen, seine Behauptung, der Mensch sei im tiefsten seines Innern völlig irrational und zu jeder Grausamkeit fähig, all das gibt einem eine Vorahnung, davon, was wir in den nach ihm folgenden Jahrhunderten tatsächlich erlebt haben. Sein Menschenbild war jedenfalls näher an der Realität als das Bild, das uns ewige Optimisten wie die Enzyklopädisten vermitteln.“ De Maistre habe hohe Verdienste, allein schon dadurch, dass er – wie Hamann – Licht auf die dunkle und chaotische Seite der menschlichen Natur gerichtet habe, jene Aspekte des Menschseins, für die in der säuberlich geordneten Welt der Aufklärung kein Platz gewesen sei. „De Maistre hatte den Mut, der dunklen Seite des Menschen ins Auge zu sehen.“

Als höflicher Mensch merkte Berlin, dass er zum Teil etwas ungeduldig und grob  gewesen war. Zum Abschied, zur Versöhnung, sprach er noch von den frühsozialistischen Saint-Simonisten, also Gutmenschen durch und durch. „Auch sie beriefen sich auf de Maistre, aber mit dem Warnhinweis, dass man eine Mischung aus Voltaire und de Maistre brauche. Den Optimismus von Voltaire plus den Realitätssinn von de Maistre!“

           Ich verließ Berlins Haus einigermaßen benommen. Die Zugfahrt zurück nach London verbrachte ich die meiste Zeit aus dem Fenster starrend. So manche Gewissheit hatte der weise Mann aus Riga in Zweifel verwandelt. Ich kam mir wie der Eindringling in die Welt eines Mannes vor, zu dem ich mir den Zugang erschlichen hatte. Das Gespräch mit ihm löste damals bei mir eine geradezu verzweifelte Suche nach einem Denker aus, der dazu in der Lage war, eine Art Synthese aus Vernunft einerseits und Wissen um das Übernatürliche andererseits auf Papier zu bannen. Irgendwann wurde ich tatsächlich fündig. Bei Joseph Ratzinger. Obwohl „Synthese“ eigentlich das falsche Wort ist für das, was Ratzinger gedanklich leistete. Vielleicht sollte man besser  „Tandem“ sagen. Es muss ein Miteinander von Vernunft und Glaube geben. Ratzinger war nach langer Zeit der erste Theologe, der darauf bestand, dass jede ernsthafte Philosophie die Grenzen des rein Beweisbaren irgendwann überschreiten müsse[vi].[Verweis: Wo?] Nach Ratzinger war der erste, der das verstanden hat, der Apostel Paulus, der von den griechischen Philosophen gelernt hat und sich auch bei den Stoikern den einen oder anderen Gedanken ausgeliehen hatte – Paulus, der in der Lage war, auch hartgesottene, gebildete griechische Laien mit logischen Argumenten zum Glauben zu bekehren. Doch am Anfang aller Erkenntnis liegt für Paulus, das betonte Ratzinger immer wieder, das Herz. Ohne Liebe ist man ein Nichts, ohne Liebe begreift man nichts, auch wenn man „in den Sprachen der Menschen und Engel“ oder prophetisch reden könnte, selbst wenn man  „alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte…“[vii]

Über Ratzinger wird in unseren Kreisen ja nicht nur freundlich geredet, aber zu seinen großen Verdiensten gehört es nun einmal, dass er als erster großer zeitgenössischer Theologe wieder den Mut hatte, mit Herz und Verstand zu argumentieren und dass er darauf bestand, dass sich derjenige der intellektuellen Verstümmelung schuldig mache, der auf das eine oder andere verzichte. Liebe ohne Verstand ist für Ratzinger ebenso mangelhaft wie Verstand ohne Liebe. Rationales Denken als Verirrung zu verachten, wie Hamann und de Maistre es getan haben, sind für Ratzinger ebenso verwerfliche Positionen wie die Weigerung der Rationalisten, Platz für das Unerklärliche zu lassen. Lange hat die christliche Theologie versucht, Brücken zwischen den Alles-Wissen-Wollenden und den Ehrfurchtsvoll-Ahnenden herzustellen. Dabei hat man sich bis zur Selbstverleugnung verbogen. Das änderte sich, als Ratzinger die Bühne betrat. Nach dem Schock der Aufklärung war es theologische Praxis geworden, den nicht-verstandskompatiblen Teil der christlichen Lehre herunter zu spielen. Man versuchte den Alles-Wissen-Wollern mit rein rationalistischem Vokabular entgegen zu kommen. Man wollte – was ja irgendwie auch bewundernswert ist – den Erben der Aufklärung auf ihrer Seite des Spielfelds begegnen. Man tat alles, um christliche Offenbarung mit logischer Wortakrobatik zu vermitteln, wedelte mit den Schriften von Thomas von Aquin, dem es angeblich schon im 13. Jahrhundert gelungen war, alle Widersprüche aufzulösen. Ratzinger war es, der ohne Schüchternheit darauf hinwies, dass, solange man sich ausschließlich auf dem Gebiet der Logik aufhielt, man sich auf geradezu unredliche Weise beschränke. „Als würde man mit einer am Rücken festgeschnallten Hand kämpfen“, wie Tracey Rowland, eine mit mir befreundete australische Theologin, es mir gegenüber einmal ausdrückt hat. Ratzinger gelang es, diesen ungleichen Kampf zu beenden. Seine Vorbilder Romano Guardini und Karl Rahner hatten sich auf geradezu neurotische Weise bemüht, Katholizität wieder im Hörsaal salonfähig zu machen, aber sie taten es eben einarmig. Ratzinger benutzte beide Fäuste. Deshalb ist er der wichtigste Theologe unserer Zeit.

Die Lektüre der Schriften de Maistres kann beim Leser, zumindest geht es mir so, Schwermut auslösen, je nach Stimmungslage auch Verzweiflung und Defätismus. Aus eigener Erfahrung empfehle ich daher Ratzinger quasi als begleitende Lektüre. Das wirkt wie ein Stückchen Würfelzucker in einem hervorragenden und sehr starken und etwas bitteren Tee.


[i] Suchodolski, Bogdan: Grundlagen der marxistischen Erziehungstheorie. Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1961

[ii] Horkheimer, Max: Traditionelle und kritische Theorie, 1937 (zitiert aus der 1992 veröffentlichten Tb.-Ausgabe des Fischer-Verlags)

[iii] The Isaiah Berlin Virtual Library, The Isaiah Berlin Literary Trust, 2005, http://berlin.wolf.ox.ac.uk/

[iv] Neue Apologie des Buchstaben h ; oder ausserordentliche Betrachtungen über die Orthographie der Deutschen, Pisa 1773 (online verfügbar über die Univ.- und Landesbibliothek Münster, Bibl. Nachweis: NUC 228, S. 192, 0066368)

[v] Krishnamurti, Jiddu: Think on These Things, London 1989

[vi] Ratzinger, Joseph: Erlöst durch die paradoxe Schönheit Christi. Predigt im August 2002 in Rimini. Siehe http://www.hoye.de/Ratz/14.pdf

[vii] 1.Korinther 13:2