Von Malte Oppermann, Gardone Riviera

In einem gewissen Sinne (aber in welchem?) geschehen die Erbsünde, die Verstoßung aus dem irdischen Paradies, die Passion, die Auferstehung gleichzeitig in jedem Augenblick. Aber in einem anderen Sinne (in welchem?) sind es historische Ereignisse. Denn Wirklichkeiten sind es nicht nur im Himmel, sondern auch auf der Erde. Und es gibt hier unten keine andere Wirklichkeit, als das, was an einem Ort, in einem Augenblick geschieht.“[1]

Es ist ein historischer Sündenfall, ein Sündenfall in der Zeit, von dem her sich jede politische Reaktion bestimmen lässt. Das Verhängnis, das sie leidenschaftlich beklagt, entfernt sich mit der Folge der Jahre. Am Anfang hallt noch das Echo des Tumults in ihren Anklagen wider, doch unwiderstehlich wird sie mitgerissen vom Strom. Übrig bleibt irgendwann nur das paradoxe Verlangen, ein Feuer zu löschen, dessen Asche bereits verweht ist. An das alte Paradies erinnert sich keiner mehr und niemand trägt mehr eine Schuld an seinem Untergang. Die Probleme einer Epoche werden schließlich durch ihren Untergang gelöst.

Was sind gottlose Zeiten? Auch wenn kein Zeitgenosse seiner Prägung entrinnt, ist der Charakter einer Zeit ein schwer zu bestimmender Gegenstand, auf den keine Wissenschaft einen rechtmäßigen Anspruch erheben kann. Der Gang der Zeit ist ein rhythmisches Geschehen. So wie es ursprüngliche Rhythmen und Zyklen des Lebens gibt, die niemals revolutioniert werden können, wie Geburt und Tod, Schlafen und Wachen, Atmung und Herzschlag, und die gleichsam den basso continuo bilden, auf dem alles andere aufbaut, so gibt es auch variable Gesten, deren Wiederholung jenen schwingenden Raum bilden, in dem die Seele lebt. Die Wiederholung historisch wandelbarer, alltäglicher und symbolischer, ästhetischer und politischer Gesten binden das Verstreichen der Zeit zur Melodie einer Epoche.

Seine Epoche zwingt den Zeitgenossen in ständiger Wiederholung, von Tag zu Tag, an ihrem Stück teilzuhaben. Es bringt nichts, gegen sie anzuschreien, wieder und wieder den Bruch mit der alten Harmonie zu beklagen. Die Konturen ihrer Ideen schneiden in die Haut der Erde und ihre politischen Abstraktionen werden sichtbar im Fleisch der Tage. Doch so lautstark die Folge der politischen und kulturellen Ereignisse die Triumphe einer Zeit auch verkünden, und ihren Sieg, der nicht rückgängig zu machen ist, so gering ist ihr Anteil an all dem, was in dieser Zeit geschieht. Zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang erzählt jeder Tag noch unendlich viel mehr, als nur von der Fortsetzung der seit dem letzten Umbruch herrschenden Ordnung. Die Zeit besteht nicht aus Blöcken je eines andauernden Weltzustands; der Abfolge der Reiche, die tausend oder fünfzig Jahre bestehen. Die eigentliche Zeit, in der ein Mensch lebt, verfliegt in einer unermesslichen Mannigfaltigkeit, von Augenblick zu Augenblick. Das historische Weltgebilde, das ungezählte Wiederholungen über eine gewisse Zeitspanne sich hinwölben lassen, gleicht einer Spiegelung auf stürzendem Wasser. Es ist etwas Virtuelles, ein schwacher Widerschein auf der Fülle der Augenblicke.

Der Augenblick ist schöpferische Gegenwart, bevor er geschichtlich ist. Alles, was an ihm unwiederholbar ist, entflieht dem Zugriff der Geschichte und steht außerhalb des Rhythmus` der Zeit. Er ist viel mehr, als ein Ton in ihrer Melodie, der unweigerlich einmal tönen muss, ihr Erklingen fortzusetzen. Kein kleines Wort, festgeschrieben irgendwo mittendrin in einem Kapitel der Geschichte. Der Augenblick reicht hinab in den ersten Anfang. Der ewigen Schöpfung Gottes und der freien Tat des Menschen. Er ist der Ort der Entscheidung, dem zeitlich-sukzessiven Vollzug jeder Handlung vorgeordnet. Im Augenblick seiner Schöpfung fällt der Mensch die Entscheidung, die seinen Rang bestimmt. Doch nicht Adam allein, sondern jeder Mensch, in jedem Augenblick seines Lebens, da der Augenblick der Schöpfung alle Augenblicke in der Zeit umfasst.

Es sind die Sinne, die eine Ahnung davon vermitteln, dass wir von Augenblick zu Augenblick aus dem Paradies vertrieben werden. Sie erhaschen die Fülle des Augenblicks gerade dann, wenn sie für immer verschwindet. Jeder Duft und jede Farbe ist in Wahrheit eine flüchtige Einmaligkeit. Diese Individualität jedes Augenblicks macht ihn zum Gegenteil des Virtuellen, das Speicherung und Wiederabruf erlaubt und wahre Monotonie. Wie aus großer Entfernung tönt die Stimme der Zeit im Hintergrund und wird oft genug ganz unhörbar, wo der Verstand die Sinne in Ruhe lässt. Von Augenblick zu Augenblick gibt es keine Gleichheit und Wiederholung, sondern nur eine verglühende Individualität und ewig neue Tat. Der Augenblick ist Zeuge des Reichtums Gottes. Er ist der einzige Ort der Fülle; nicht die ideale, wiederherzustellende Vergangenheit. Keine Epoche ist reicher als er.[2]


[1] Simone Weil, Cahiers 3, München 1996, S. 240

[2] Der Autor arbeitet an einem Buch über den Augenblick, das demnächst bei Karolinger erscheinen wird. Zum Augenblicksthema erschienen: „Batavische Tropfen“, SWR2 Radioessay